Nihau Shenzhen

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Unsere bisher ungewöhnlichste Meisterschaft

Das A-Team des 1. TSZ Velbert bei der Weltmeisterschaft der Lateinformationen in China

Abflug mit dem 1.TSZ Velbert zur WM nach China

Zu Beginn unserer Trainingssaison, nach der EM im Juni in Polen, war nach langer Ungewissheit klar, dass es nun doch einen Ausrichter für die Weltmeisterschaft der Lateinformationen geben würde: Der chinesische Tanzsportverband rund um den WDSF-Präsidenten Shawn Tay hatte das hochrangigste Formationsturnier der Welt nach Shenzhen geholt. Zum ersten Mal sollte also eine WM in China stattfinden. Für alle europäischen Teams war klar, daß die Finanzierung dieser Reise eine große Herausforderung bedeutet. Der DTV hatte offiziell verkündet, dass nur der Deutsche Meister seitens des Verbands finanziell unterstützt würde, und so bekam unser bereits im Vorfeld erklärtes Ziel, nämlich der Deutsche Meister-Titel, noch eine zusätzliche Brisanz, sogar eine Notwendigkeit. Als kleiner Verein war eine solche Kostenbelastung bei der Budgetplanung nicht vorgesehen. Auch wenn viele fachkundige Anwesende uns bei der Deutschen Meisterschaft in Braunschweig auf dem Siegerpodest gesehen hatten, wurde es „nur“ der Vize-Titel. Trotz aller Freude über einen unglaublich tollen Turniertag bei der DM machte sich dann in unserem Trainerteam die Enttäuschung gleich doppelt breit: Sportliches Ziel verfehlt und mangels DTV Unterstützung keine Chance auf eine WM-Teilnahme. Umso überraschender und größer war die Freude am nächsten Morgen, als wir die Information bekamen, dass der DTV uns sehr wohl unterstützen würde. Die Mannschaft begann auf der Rückfahrt im Bus immer wieder an zu weinen, weil unser Traum von der einmaligen WM in China nun doch wahr werden würde.

Wir trainierten so intensiv wie nie zuvor und bereiteten uns auf alle denkbaren Eventualitäten in diesem für uns sehr fremden Land vor. Drei Wochen später am Donnerstagmorgen begaben wir uns dann auf unsere sehr lange Reise. Mit dem ICE ging es in sexy Kompressionsstrümpfen um 8:30 Uhr von Essen nach Frankfurt und von dort aus weiter nach Peking. Unsere erste Station im Land des Lächelns war mitten in der Nacht erreicht. Merkwürdig, es lächelte niemand… Bewaffnete Flughafenmitarbeiter scheuchten unsere offensichtlich furchteinflößende Reisegruppe im Laufschritt zum nächsten Gate. Dort mussten akribische Einreiseunterlagen ausgefüllt werden, ein Gesichtsabgleich per Scanner fand statt, Pass- und Visakontrolle, und schon hatten wir das Dilemma: Eine 15-jährige Tänzerin unseres Teams hat aufgrund der Scheidung der Eltern und der neuen Heirat der Mutter nicht den selben Nachnamen der Mutter, sondern den ihres leiblichen Vaters… Die entsprechende Prüfung dauerte und dauerte und wir sahen unseren Anschlussflug nach Shenzhen schon gedanklich ohne uns starten. Aber es klappte dann doch noch alles und so kamen wir übermüdet und geschlaucht nach über 22 Stunden Reisezeit am Zielort in Shenzhen bei warmen 30 Grad an. Hier sollten wir bereits schnell feststellen, dass Englisch als Verständigungssprache nicht gerade sehr weit verbreitet ist und dass die Kommunikation über das gesamte Wochenende ein spannendes Abenteuer werden würde. Ein Bus mit 24 Sitzplätzen sollte uns dann gemeinsam mit der zeitgleich gelandeten ungarischen Mannschaft ins Hotel bringen. Zwei Teams à circa 25 Personen sollten samt Gepäck in einem 24-Sitzer Bus transportiert werden. Hhm, man suche den Fehler… Da bei den Ungarn einige Gepäckstücke nicht mitgeliefert wurden und dies nun erstmal im Terminal geklärt werden musste, baten wir darum, doch zuerst ins Hotel gebracht zu werden, da der Bus ja so oder so keine 50 Personen in einem 24-Sitzer transportieren könne. Nach langem Hin und Her gesagt getan, kamen wir endlich im Hotel an. Auch hier sprach an der Rezeption des sehr schönen 4-Sterne-Hotels niemand so recht Englisch, so dass der Vorgang des Eincheckens eine weitere Stunde dauerte. Dies hatte zur Folge, dass das Team gerade mal nur eine Stunde zum Koffer Auspacken hatte, um wieder in einen Bus zu steigen, da wir noch eine gemeinsame Trainingseinheit mit der mongolischen Mannschaft im Olympiastützpunkt in Shenzhen organisiert hatten. Keine Bank und kein Automat in Hotelnähe spuckte Bargeld aus, so dass wir uns nach mittlerweile 28 Stunden Reisezeit – und ohne Essen und Trinken – auf den Weg ins Training machten. Wer hätte gedacht, dass eine Strecke von 30 Kilometer an einem Freitag nachmittag dann nochmal weitere drei Stunden Fahrtzeit beträgt… Egal, wir trainierten trotzdem hochmotiviert und professionell für unseren Traum und fielen danach hundemüde ins Bett. Am nächsten Morgen fanden dann die Stellproben statt – also theoretisch. Da der Chairman nicht anwesend war, fand natürlich erstmal gar nichts statt, außer dass einige Teams, darunter auch der GGC Bremen, die Wartezeit nutzten und auf der 40 Meter breiten Turnierfläche trainierten. Zum Zeitpunkt unseres Eintreffens lief dann alles halbwegs normal. Allerdings kürzte der mittlerweile eingetroffene Chairman die Stellprobenzeiten von ursprünglich 20 Minuten dann auf 15 Minuten. Die imposante und hochmoderne Turnierhalle hatte ein Fassungsvermögen für 10.000 Zuschauer und so freuten wir uns schon auf ein tolles Erlebnis am
nächsten Tag. Die Stellproben-Videoanalyse, ein bisschen Sightseeing, sehr leckeres Abendessen und eine Yoga-Einheit auf der Dachterrasse des Hotels rundeten unseren Tag ab.

Zwischendurch sei vermerkt, dass einchinesisches Frühstück aus Nudelsuppe und gebratenen Nudeln mit Gemüse besteht. Kaffee, Brötchen, Käse und Wurst sind absolut unüblich. Ein doch recht unangenehmes Erlebnis waren die für uns ungewohnten Toiletten, die lediglich aus einem Loch im Boden bestehen. Nur im Hotel gab es Sitz-Toiletten, allerdings war das Herunterspülen von Toilettenpapier streng verboten. Für die Entsorgung des benutzten Toilettenpapiers stand neben der Toilette ein Eimer bereit – ohne Deckel… Weitere Bilder dazu überlasse ich der Phantasie des geneigten Lesers. Am Sonntag morgen ging es dann endlich mit dem Bus zur Weltmeisterschaftshalle. Auch hier bestanden die Toiletten aus dem oben genannten Loch im Boden, so dass sich insbesondere unsere Damen intensivst über adäquate Hockpositionen austauschten und über ein Tutorial auf YouTube nachdachten. Nun kommen wir zum wirklich kuriosen Teil dieser Weltmeisterschaft: Ein chinesischer Bekannter von einer unseren Mitreisenden, der in Shenzhen lebt, hatte im Vorfeld vergeblich versucht, an Eintrittskarten heranzukommen. Fehlanzeige. Die Vorrunde in der 10.000 Zuschauer fassenden Halle fand komplett unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Zur Abendveranstaltung fanden sich ebenfalls nur ca. 500 geladene Gäste an Tischen rund um die Tanzfläche ein – die zahlreichen Tribünenränge waren bis auf vereinzelt belegte Plätze durch die ausgeschiedenen Teams komplett leer. Insbesondere für die in der Vorrunde ausgeschiedenen Teams, die um die halbe Welt gereist waren und dafür erhebliche Kosten auf sich genommen hatten, war dies sicher eine enttäuschende Kulisse. Aufgrund der zu erwartenden Leistungen der Topteams hatte sich unser Team im Vorfeld auf alles zwischen Platz 1 und Platz 4 eingestellt. Leider wurde es dann der 4. Platz, was unserem gemeinsamen Erlebnis dieses unvergesslichen Wochenendes aber keinen Abbruch tat.

1.TSZ Velbert (Archiv)

Da keine offizielle Aftershow-Party des chinesischen Veranstalters vorgesehen war, feierten wir unsere eigene Party auf der Dachterrasse des Hotels mit den Teams aus Russland, Ungarn und der Mongolei. Wir hatten eine kleine Musikbox dabei und alle Tänzer brachten ihre Reste an Getränken und Snacks mit. Der russische, selbstgebrannte Wodka in einer Flasche ohne Etikett ließ allerdings eher das Risiko vermuten, danach blind und taub zu werden… Dieser nationenübergreifende Abschluss einer denkwürdigen WM wird uns sicher für immer in Erinnerung bleiben. Schöne Gespräche über unsere verbindende Sportart, gegenseitiges Lieder Vorsingen und Tanz-Battles machten diese Nacht perfekt, bis unsere tolle Party dann um 6:30 Uhr morgens recht unsanft von der chinesischen Polizei abgebrochen wurde. Mit vielen intensiven Eindrücken im Gepäck traten wir unsere ebenso lange Heimreise an, um schon vier Tage später wieder mit voller Energie mit der Vorbereitung auf die Bundesliga-Saison zu beginnen.

 

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Quelle:tnw.de/tanz mit uns